Sind alle Terroristen „feige Mörder“?

Verfasst von Jörg Friedrich
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Es ist immer gut, wenn man sich kritisch mit der Verwendung bestimmter Begriffe auseinandersetzt, gerade wenn die Diskussion hochemotional und politisch geführt wird. Der Versuch, den Sinn von Begriffen dabei universell und klar zu definieren, ist allerdings meist zum Scheitern verurteilt – und auch selten hilfreich.

Medienjournalist Stefan Niggemeier versuchte vor wenigen Tagen eine solche kritische Analyse hinsichtlich des Gebrauches des Ausdrucks „feige Mörder“ für die Terroristen, die in der vergangenen Woche nur durch ihre Verhaftung an der Umsetzung großer und sicherlich für viele Menschen tödlicher Attentate gehindert wurden. Michel Friedman hatte diesen Ausdruck verwendet.

Niggemeier fühlt sich einer gewissen Klarheit in der Sprache verpflichtet und meint deshalb festhalten zu können, dass als Mörder nur jemand bezeichnet werden kann, der jemanden umgebracht hat: „Aber als grobe Annäherung für den Alltag könnten wir uns vielleicht schon auf die Faustregel einigen: kein Toter – kein Mörder.“

Ist das richtig? Erstens gibt es im deutschen Sprachgebrauch das Wort „Mörder“ in der Mehrzahl spätestens seit der Aufarbeitung der Nazi-Herrschaft als Gesamtbezeichnung für die Mitglieder (nicht für den Einzelnen, sondern in ihrer Gesamtheit) von Organisationen, die das Töten von Menschen systematisiert haben.

Terrororganisationen, die ihre Mitglieder im Morden ausbilden, ihnen die logistischen und materiellen Ressourcen dafür zur Verfügung stellen und schließlich auch Aufträge und Anleitung für solche organisierten Massenmorde geben, gehören sicherlich dazu, deshalb ist es auch legitim, die Mitglieder insgesamt (und nicht einzeln) als Mörder zu bezeichnen.

Die Mitglieder der RAF werden als Mörder bezeichnet, unabhängig davon, ob jeder einzelne einen Menschen ermordet hat oder nicht. Ein ganz anderes Beispiel: TucholskysSoldaten sind Mörder“ – ein Satz, der in der Folgezeit auch vom Bundesverfassungsgericht als zulässig als Werturteil anerkannt wurde. Hier stellt das Gericht auch fest (Zitat des entsprechenden Wikipedia-Artikels:

Entscheidend ist insbesondere, dass die Aussage Soldaten sind Mörder nicht zwingend bedeutet, Soldaten hätten sich wegen Mordes i.S.v. §211 StGB strafbar gemacht. Es ist vielmehr zu untersuchen, was der Grundrechtsträger mit dem Begriff „Mörder“ gemeint habe. Das liege nahe, weil das Wort „Mörder“ umgangssprachlich völlig anders benutzt werde als es im juristischen Kontext definiert sei.

Betrachtet man die umgangssprachliche Verwendung des Wortes „Mörder“ und sucht Vergleiche aus anderen Bereichen fällt auf, dass solche Verwendungen oft in Zusammenhang mit der Tatsache stehen, dass Menschen zu einer Tätigkeit ausgebildet wurden und bereit sind, diese Tätigkeit auch auszuführen. So argumentieren ja auch diejenigen, die den Satz „Soldaten sind Mörder“ verwenden.

Oft wird jeder, der eine Ausbildung zu etwas absolviert hat, wird mit der entsprechenden Bezeichnung versehen, egal, ob Arzt, Journalist, Lehrer oder Maurer, und zwar unabhängig davon, ob er tatsächlich bereits als Arzt, Journalist, Lehrer oder Maurer tätig geworden ist.

Es ist gerade die Tatsache, dass Terroristen bereits „zum Mörder ausgebildet sind“ und dass sie das Ziel haben, zu morden, die es rechtfertigt, diese Leute auch als „Mörder“ zu bezeichnen. Der alltägliche Sprachgebrauch kennt eben diese zwei Möglichkeiten, solche Bezeichnungen für Menschen zu verwenden, einmal in dem Sinne „er tut es tatsächlich“ und zum anderen in dem Sinne „er ist dazu ausgebildet worden und zwar mit dem Ziel, es zu tun“

Und damit zur Grundlage der Klärung von Wortbedeutungen: Wittgenstein sagte in seinem frühen „Traktat“ „Alles, was man sagen kann, kann man klar sagen“, das hört sich gut an und passt auch zu Niggemeiers Ziel, die Bedeutung von Worten zu „klären“ und nur klare Begriffe zuzulassen. Es zeigt sich aber – und Wittgenstein hat das ja später selbst so gesehen, dass das nicht funktioniert, und dass es auch nicht zu wünschen ist. Später schrieb Wittgenstein ja selbst „Die Bedeutung eines Wortes ist sein Gebrauch in der Sprache.“ Genau dieser Sprachgebrauch ist zu klären, natürlich auch kritisch. Friedmans Verwendung des Wortes „Mörder“ entspricht dem alltäglichen Sprachgebrauch seit Tucholsky, deshalb ist die Verwendung in dieser Art legitim.

Das gleiche gilt für das Attribut „feige„, das Wort ist weit mehr als das Gegenteil von „mutig„, es befindet sich in der Nähe von „hinterhältig“ und „heimtückisch„. Feige ist jeder, der seine Ziele nicht offen verfolgt, sondern verdeckt, feige ist, wer nicht unmittelbar seinen eigentlichen Gegner angreift, sondern Außenstehende, die wehrlos sind, zum Ziel seines Angriffs macht. Deshalb ist die Wortkombination „feiger Mörder“ eine Abgrenzung zu vielen anderen Mördern, die für Terroristen sicherlich außerordentlich treffend ist.

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